«Nicht alles auf Geschäft und Gewinn reduzieren»
Ferien tun jedem gut, das hat schon Jesus erkannt, der damals seine Jünger, nach der ersten Missionsreise eingeladen hat: «Kommt mit an einen einsamen Ort und ruht euch ein wenig aus». Damit hat er daran erinnert, dass es im Leben eines Menschen mehr geben muss als Arbeiten und Geld verdienen. Vor ein paar Tagen hat Papst Leo während seines Besuches auf den Kanaren daran erinnert, wie wichtig es gerade für denjenigen ist, «der sich am Evangelium orientieren will, nicht alles auf Geschäft und Gewinn zu reduzieren!» Was kann man aus diesen Aussagen für die kommenden Ferien und die Reisen schliessen?
Reisen als Begegnung mit dem Menschen
Der christliche Glaube sieht den Menschen nicht als Individuum, das nur für sich selbst lebt, sondern als Wesen der Beziehung. Der Mensch wird erst in der Begegnung mit anderen wirklich Mensch. Deshalb kann Reisen mehr sein als Ortswechsel und Konsum. Wer reist, begegnet anderen Kulturen, Sprachen, Lebensweisen und Glaubensformen. Dadurch wird der Blick auf die Welt weiter. Man erkennt, dass die eigene Art zu leben nicht die einzige ist. Reisen kann Demut lehren und Vorurteile abbauen.
Papst Franziskus sprach oft von einer «Kultur der Begegnung». Auch Papst Leo knüpft daran an: Der Tourist soll nicht nur Landschaften fotografieren, sondern Menschen begegnen. Die katholische Soziallehre betont die unveräusserliche Würde jedes Menschen. Ein Ferienort ist deshalb nicht einfach eine Dienstleistungsmaschine für Besucher. Der Kellner, die Putzfrau, der Taxifahrer, die Verkäuferin oder der Fischer sind keine Statisten für die Ferien anderer Menschen. Sie sind Personen mit einer Geschichte, einer Familie und oft auch mit Sorgen. Ein christlicher Tourist fragt daher nicht nur: «Was kann ich hier erleben?», sondern auch: «Wie leben die Menschen hier? Wie gehe ich mit ihnen um? Trage ich zu gerechten Verhältnissen bei?»
Die Tugend der Gastfreundschaft
Die Bibel misst der Gastfreundschaft grosse Bedeutung bei. Abraham empfängt drei Fremde unter den Eichen von Mamre, Jesus wird immer wieder als Gast aufgenommen, und die frühen Christen pflegten eine Kultur der Aufnahme Fremder.
Tourismus kann eine moderne Form dieser Gastfreundschaft sein. Einheimische öffnen ihre Heimat, Gäste nehmen diese Einladung an. Wo beide Seiten einander mit Respekt begegnen, entsteht etwas von jener Gemeinschaft, die das Evangelium meint.
Die katholische Soziallehre spricht heute auch von der Verantwortung für die Schöpfung. Wer reist, sollte die Natur nicht nur konsumieren, sondern als Geschenk Gottes betrachten.
Ein Berg, ein Strand oder ein Korallenriff sind nicht bloss Kulisse für schöne Fotos. Sie sind Teil der Schöpfung, die auch kommenden Generationen erhalten bleiben soll.
Zahlreiche Ferienorte überall in der Welt stehen oft unter dem Druck des Massentourismus. Hier stellt sich die Frage, wie Reisen möglich ist, ohne Menschen und Umwelt auszubeuten.
In der Nachfolge Christi verurteilt die Kirche Erholung keineswegs. Im Gegenteil: Der Mensch braucht Zeiten der Ruhe. Ferien, Wellness, gutes Essen und schöne Landschaften sind daher nichts Unchristliches. Sie können Ausdruck der Dankbarkeit für Gottes Gaben sein.
Problematisch wird es erst, wenn Reisen nur noch Konsum wird und der Mensch sich ausschliesslich um das eigene Wohlbefinden dreht.
Erholung ist etwas Christliches
Ein Christ reist anders, wenn er: die Menschen vor Ort respektiert, sich für Kultur und Geschichte interessiert, die religiösen Traditionen eines Landes wahrnimmt, fair mit Dienstleistenden umgeht, nicht alles nur nach dem Preis beurteilt, dankbar staunt über die Schönheit der Schöpfung, und offen bleibt für Begegnungen.
Dann wird Reisen zu mehr als Ferien. Es wird zu einer kleinen Schule der Menschlichkeit.
Gerade für jemanden, der einen offenen Geist hat und sich für die Menschen und die Kultur der Länder interessiert, die er während seinen Ferien besucht, kann eine Reise weit mehr sein als Wellness und Erholung. Der Besuch von Kirchen und Klöstern, die Begegnung mit Mönchen, Priestern oder einfachen Gläubigen und das Kennenlernen der Geschichte des Landes können den Horizont ebenso erweitern wie ein Aufenthalt am Strand Körper und Geist entspannt. Beides hat seinen Platz – die Erholung und die Begegnung. Der christliche Gedanke wäre lediglich, dass die Erholung des Körpers nicht das Einzige bleibt. Vielmehr soll in dieser Zeit auch die Seele zur Ruhe kommen, damit bei der Rückkehr aus den Ferien Körper und Geist mit viel frischem Schwung die Arbeit wieder aufnehmen können. In diesem Sinne wünsche ich allen treuen Leserinnen und Lesern erholsame Ferien, gute Reise, geniessen Sie die Tage, die sie zuhause, in der Schweiz oder im Ausland verbringen können.
Paul Martone
Bildlegende: Ferien richten unseren Blick in die Weite, eröffnen neuen Horizonte und können Kontinente zusammenbringen (Zerstörte Brücke zwischen Indien und Sri Lanka)