Die Kathedrale von Sitten
Die im Herzen der Altstadt gelegene Kathedrale Notre-Dame du Glarier ist weit mehr als nur ein Denkmal: Sie ist das lebendige Zentrum des katholischen Glaubens im Wallis. Seit Jahrhunderten finden hier die grossen Diözesanfeiern, die Höhepunkte im Leben der Kirche sowie die täglichen Gebete zahlreicher Gläubiger statt.
Geschichte der Kathedrale
Es gibt keine vollständige archäologische Untersuchung der Kathedrale Notre-Dame de Sion oder Notre-Dame du Glarier. Die Kathedrale, deren Patrozinium die Aufnahme Mariens in den Himmel ist (Fest: 15. August), ist heute eine geostete dreischiffige Basilika mit Querhaus und langgestrecktem Chor. Der massige romanische Turm mit Kegelspitze beherrscht das Stadtbild.
Die wichtigsten Etappen dieser Kathedrale lassen sich wie folgt beschreiben:
8. - 9. Jahrhundert
Karolingische Kirche
1010
Die Kathedrale wird durch einen Brand zerstört
11. Jahrhundert
Bau einer romanischen Kathedrale, die mit einigen Umbauten bis zum 15. Jahrhundert bestehen bleibt
1352 Plünderung Brand der Kathedrale durch die Soldateska von Graf Amadé VI. von Savoyen.
Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhunderts
Bau des Glockenturms (erste Stockwerke) und verschiedene Arbeiten
1403
Brand des Glockenturms, die Glocken schmolzen im Feuer, was wenig später zum Anbau des letzten Stockwerks und noch später zum Anbau der Backsteinspitze führt.
Es folgen mehrere Brände aufgrund von Kriegen
1418
Witschard von Raron und seine Partisanen verwüsten die Kathedrale
15./16. Jahrhundert
Bau der gotischen Kathedrale (gefolgt von mehreren Restaurierungen im Laufe der Jahrhunderte, wobei jedoch nichts Wesentliches verändert wurde)
1947–1948: Erweiterung des Chors um zwei Joche in östlicher Richtung und Schaffung der Kapelle Saint-André als Verlängerung des nördlichen Querschiffs.
1986: letzte Restaurierung.
1988
Die Orgel wird von Hans Füglister, Orgelbauer von Grimisuat erbaut. Das Orgelgehäuse stammt von einem Instrument des Orgelbauers Casper Carlen aus dem Jahr 1786 und wurde von Matthäus Carlen geschaffen; von dem Instrument ist noch Pfeifenmaterial in dem heutigen Orgelwerk vorhanden.
Die Kathedrale von Sitten ist ein Kulturgut von nationaler Bedeutung und steht unter Denkmalschutz.
Der Glockenturm
«Gegen Ende des 12. oder zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde vor der Westfassade dieser Kirche der mächtige Glockenturm errichtet, den man noch heute sehen kann. Das Obergeschoss und die Turmspitze (aus Ziegelsteinen) sind später entstanden (gegen Mitte des 15. Jahrhunderts?). […] Das zweite Stockwerk ist blind. An seiner Spitze befindet sich ein Band aus lombardischen Arkaden, das an allen vier Seiten des Glockenturms den Übergang vom Sockel zu den durchbrochenen oberen Stockwerken markiert.» (Antoine Lugon, Véronique Ribordy Évéquoz, La Cathédrale Notre-Dame de Sion, Sion, 1995, S. 13.)
Der romanische Glockenturm betont die Vertikalität der Westfassade. Die Verwendung eines Frontturms war um das Jahr 1000 eine weit verbreitete Idee. Diese Art von Glockenturm findet man beispielsweise in der Kirche der Heiligen Apostel in Köln, in Saint-Germain-des-Prés in Paris oder in Saint-Martin d'Ainay in Lyon. Im Wallis besass im 11. Jahrhundert auch die Abtei Saint-Maurice einen solchen Turm.» (Antoine Lugon, Véronique Ribordy Évéquoz, La Cathédrale Notre-Dame de Sion, Sion, 1995, S. 27.)
Im Tympanon über dem rechten Seitenportal findet sich ein Fresko aus dem 2. Drittel des 14. Jh. mit einer Darstellung von Maria mit dem Jesuskind, umgeben von zwei unbekannten Bischöfen und Wohltätern der Kathedrale.
Im Glockenturm hängen sieben Glocken, die beiden ältesten stammen aus dem Jahr 1447.
Der Hauptaltar
Dieser Flügelaltar (Triptychon) zeigt in seinem Hauptteil die «Wurzel Jesse». Dieses Bildmotiv stellt die Abstammung Jesu aus dem Haus des Königs David als Lebensbaum dar, ausgehend von Jesse (Isai), dem Vater Davids, des Königs von Juda und Israel. Dieses Triptychon ist der ehemalige Aufsatz des Hochaltars der Theodulskirche. Es befand sich früher im Museum von Valeria und wurde 1947 neu strukturiert. Die Originalflügel sind in der Barbarakapelle abgelegt. Der Mittelteil des Altars stammt aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Aus der Lende des schlafenden Jesse spriesst ein Rebstock. An der Spitze des Rebstocks erschien Maria und Christus. Maria auf einer Mondsichel stehend, umgeben von der hl. Anna selbdritt (Mutter Anna, Maria und das Jesuskind), der alttestamentlichen Judith und vom heiligen Evangelisten Johannes sowie dem heiligen Rochus.
Auf dem linken Flügel (vom Betrachter aus gesehen) ist auf der oberen Hälfte die Verkündigung des Engels Gabriel an Maria zu sehen. Darunter die heilige Anna Selbdrittt und die heilige Maria Magdalena mit dem Salbgefäss. Auf dem gegenüberliegenden Flügel die Geburt Christi, darunter der heilige Theodul, erster Bischof von Sitten und die heilige Barbara mit dem Turm.
Die Barbarakapelle
Die rechte Seitenkapelle ist 1474 durch Bischof Walter Supersaxo gestiftet worden und ist der heiligen Barbara geweiht. Der gotische Altar dieser Kapelle zeigt die Jungfrau Maria, den heiligen Soldaten Achatius und die hl. Barbara. Bei der Renovation der Kathedalre 1948 kamen in dieser Kapelle auch Fresken zum Vorschein, die die klugen und die törichten Jungfrauen darstellen, den hl. Georg und den hl. Sebastian. Die Fresken wurden 1475 durch den bayerischen Meister Thomas von Landsberg angefertigt. Vor dem Gitter der Kapelle befindet sich das Grab der drei Bischöfe aus der Familie Supersaxo: Walter (1402-1482), Bartholomäus (1602-1640) und Franz-Joseph Supersaxo (1665-1734).
Die Antoniuskapelle
Die linke Seitenkapelle ist dem hl. Antonius von Ägypten geweiht. Dieser Altar aus dem Jahr 1683 wurde zuerst für die Pfarrkirche von Martinach geschaffen. Später wanderte er auf Ansuchen der Pfarrei Erde-Gundis in die Kapelle von Aven. Als Bischof Viktor Bieler vernahm, dass sich ein Museum für den Altar interessierte, kaufte er diesen Altar und schenkte diesen 1948 der Kathedrale. In der Antoniuskapelle hängen auch einige interessante Altarbilder der Altäre, die bei der letzten Renovation der Kathedrale 1947/48 aus dem Kirchenschiff entfernt wurden.