Bischofsweihen der FSSPX in Ecône
dass das Unterwallis international als Hochburg und Rückzugsort für diese radikale Strömung wahrgenommen werden könnte?
Es ist paradox, dass gerade die Priesterbruderschaft Pius X. sich einer Erneuerung der Kirche widersetzt, denn das Leitmotto des heiligen Papstes Pius X. (1835-1914), auf das sie sich beruft lautete: «Instaurare omnia in Christo» (Alles in Christus erneuern).
Ich glaube nicht, dass die Gefahr einer Hochburg oder eines Rückzugsortes sehr gross ist. Wenn wir die Geschichte der Priesterbruderschaft Pius X. betrachten, stellen wir fest, dass diese keine Walliser Wurzeln hat, sondern aus dem Ausland, vor allem aus Frankreich, ins Unterwallis importiert worden ist und zwar (zumindest zum Teil) durch Leute, die auch politisch eher reaktionär und monarchistisch gesinnt waren, was dem Charakter der Walliser weniger entspricht. Das Streben nach Freiheit, das zeigt ein vorurteilsloser Blick in die Walliser Geschichte, ist quasi in die DNA der Frauen und Männer dieses Kantons eingraviert. Dafür haben sie manche Kämpfe ausgetragen. Man denke an Unterbäch, die Gemeinde, die als erste in der ganzen Schweiz den Frauen das Wahlrecht gewährt hat.
Rückblickend kann es einem leid tun, dass das Priesterseminar von Erzbischof Marcel Lefebvre 1970 in Ecône errichtet worden ist, doch betont die Bistumsleitung von Sitten immer wieder, dass diese Auseinandersetzungen nicht zwischen Ecône und Sitten geführt werden, sondern zwischen Ecône und dem Vatikan. Der Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey bedauert die Richtung, die die Priesterbruderschaft Pius X. genommen hat sehr, doch für ihn sind Werte wie Religionsfreiheit und Gleichberechtigung fundamentale Bestandteile der Kirche, die nicht aufgegeben werden dürfen. Darüber hinaus stellt ein Angriff auf die Einheit ein schweres Vergehen dar. Ecônes Handlungen haben in dieser Hinsicht erhebliches Gewicht.
Die Piusbruderschaft hat trotz ihres Extremismus Erfolg. Und das in einer Zeit, in der die meisten Kirchen an Zulauf verlieren. Wie erklären Sie sich, dass Menschen – auch im Wallis – von den Piusbrüdern angezogen werden? Was finden sie dort, was sie andernorts nicht finden?
«Erfolg ist kein Name Gottes» hat der Religionsphilosoph Martin Buber geschrieben und im Blick auf die Piusbruderschaft scheint mir dieses Zitat zuzutreffen. Der Erfolg einer Kirche hängt nicht nur von der Anzahl ihrer Mitglieder ab. Viele Menschen werden von den Piusbrüdern angezogen, weil sie die traditionelle Liturgie mit ihren Riten, Gesängen, dem Weihrauch und der Stille bei der Messe schätzen. Das ist legitim, aber ich sage, dass sie all dies auch in den Messen finden, die in unseren Pfarreien im neuen Ritus gefeiert werden. Es gibt solche, die zum tridentinischen Ritus gewechselt haben, weil sie im neuen Ritus vielleicht eine Messe erlebt haben, die ihnen zu wenig fromm erschien, oder die vielleicht in einer Form gefeiert wurde, die nicht den Vorschriften der Kirche entspricht. Das ist zu bedauern, aber deshalb sollte man nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Zudem ist immer wieder zu betonen, dass es in der ganzen Frage um die Piusbruderschaft nicht in erster Linie um die Feier der heiligen Messe in lateinischer Sprache geht, sondern um grundlegende Unterschiede in der Lehre der Kirche. So lehnen die Piusbrüder die meisten Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) ab, etwa zur Kollegialität der Bischöfe, zu Ökumene und Religionsfreiheit. Niemand kann sich «römisch-katholisch» nennen, wenn er nicht bereit ist alle Entscheidungen des 2. Vatikanischen Konzils voll und ganz anzunehmen. Die Kirche ist kein Selbstbedienungsrestaurant, in dem sich jeder aussuchen kann, was ihm schmeckt und passt. Aber, nicht jeder, der den gregorianischen Choral oder die lateinische Messe schätzt, lehnt das Konzil ab. Im Wallis ist es möglich an Messen im tridentinischen Ritus teilzunehmen, die vom Bistum Sitten genehmigt sind und in voller Einheit mit dem Papst stehen.
Was könnte die katholische Kirche ihrer Meinung nach tun, um den Erfolg der Piusbruderschaft einzudämmen und um die Gläubigen zurück in ihren Schoss zu holen?
Sicher werden bei der Bischofsweihe viele tausend Gläubige und Neugierige dabei sein. Ich bin mir aber trotzdem nicht sicher, ob der Erfolg der Piusbruderschaft zahlenmässig so gross ist, wie die Bruderschaft es uns weismachen will.
Es gibt kein Patentrezept, um ihren Einfluss einzudämmen. Viele Menschen finden in den traditionellen Feierlichkeiten das, was sie in ihrer Pfarrei manchmal nicht mehr zu finden glauben: Klarheit, Kontinuität, einen Ausdruck des streng geregelten liturgischen Gebets, den sie als tiefes Gefühl für das Heilige deuten, ein echtes Gemeinschaftsleben und eine klar gelebte katholische Identität. Wenn traditionelle Spiritualität innerhalb der Kirche einen selbstverständlichen Platz hat, müssen sich weniger Gläubige an den Rand gedrängt fühlen. Papst Benedikt XVI. hat diesen Gedanken mit seinem Bemühen um eine «Versöhnung innerhalb der Kirche» deutlich verfolgt.
Die Kirche kann Gläubige nicht dadurch zurückgewinnen, dass sie wesentliche Elemente ihrer Lehre oder ihrer kirchlichen Ordnung aufgibt. Wenn die katholische Kirche Gläubige zurückgewinnen möchte, muss sie auf mehreren Ebenen ansetzen: würdige Gottesdienste, wie sie das Konzil vorgesehen hat und wie sie in unseren Pfarreien jeden Tag gefeiert werden. Noch stärker über Christus, Erlösung, Sakramente, Heiligkeit und das ewige Leben sprechen – nicht polemisch, sondern überzeugend. So lieben, wie Christus die Welt geliebt hat, und ihm in seiner heutigen Realität begegnen. Gerade Papst Leo XIV. kann uns durch seine Predigten und seine würdigen Gottesdienste ein Vorbild sein. Zur katholischen Einheit gehört nach ihrem eigenen Selbstverständnis auch die Gemeinschaft mit dem Papst und den Bischöfen. Eine vollständige Eingliederung der Piusbruderschaft und ihrer Sympathisanten setzt deshalb nicht nur das Entgegenkommen Roms voraus, sondern auch die Bereitschaft der Bruderschaft, offene lehrmässige und kirchenrechtliche Fragen zu klären, was bisher nicht gelungen ist.
Am Mittwoch weihen die Piusbrüder im Unterwallis eigene Bischöfe. Was wird das für konkrete Folgen für die Piusbrüder, ihr Verhältnis zu Rom und für das Wallis bzw. Bistum Sitten haben?
Gemäss katholischem Kirchenrecht ziehen sich bei einer unerlaubten Bischofsweihe die beteiligten Personen (die Bischöfe, die die Weihe spenden und auch jene, die zum Bischof geweiht werden) automatisch die Exkommunikation zu. Es handelt sich um eine sogenannte Tatstrafe („latae sententiae“), die unmittelbar mit der Handlung eintritt. Es ist anzunehmen, dass der Heilige Stuhl, wie bereits 1988, eine offizielle Klarstellung veröffentlichen wird, um Missverständnisse zu vermeiden. Die Bewegung wird als schismatisch beurteilt, das heisst von der römisch-katholischen Kirche getrennt. Die kanonische Situation von Priestern und Diakonen, die ihren Dienst innerhalb der Priesterbruderschaft Pius X. ausüben, ist stets im Einzelfall zu beurteilen. Steht fest, dass sich jemand formell einer schismatischen Handlung anschließt oder ein Schisma beharrlich aufrechterhält, können die Bestimmungen von Can. 1364 des Codex des kanonischen Rechts zur Anwendung kommen.
Im Verhältnis zum Bistum Sitten wird sich nicht viel ändern, da es ja schon jetzt nicht grosse Berührungspunkte gibt. Bei den Gläubigen, die an der Feier dieser zwar gültigen, aber unerlaubten Bischofsweihe teilnehmen, wird im Einzelfall geprüft, ob sie ausschliesslich an Feiern der Piusbruderschaft teilnehmen und die der katholischen Kirche meiden, und welche Absicht dahintersteht. Denn kirchenrechtliche Straftaten sind immer persönlich und setzen voraus, dass eine innere Zustimmung sich auch in äusseren Handlungen zeigt.
Sie sagten dieser Redaktion im Frühjahr, es sei falsch, bei den Piusbrüdern in die Messe zu gehen. Was sagen Sie Gläubigen, die der Bischofsweihe und anderen Feierlichkeiten dieser Woche in Ecône beiwohnen?
Ich stehe zu dieser Aussage, obwohl sie schon damals einige Reaktionen hervorgerufen ha, denn sie hat ihre Gültigkeit nicht verloren. Ich hoffe, dass sich die Gläubigen, die an dieser Bischofsweihe teilnehmen, bewusst sind, was sie tun. Grundsätzlich rate ich ihnen die Teilnahme an dieser Feier ab und lade sie ein, die Messen und Gottesdienste in ihren Wohnorten zu besuchen und sich für die Menschen in den Pfarreien einzusetzen und damit einen Beitrag zu leisten, Christus zu den Menschen zu bringen und die Menschen zu Christus. Und eines der wichtigsten Anliegen von Jesus Christus war die Einheit unter den Menschen. Mit den unerlaubten Bischofsweihen verletzt die Piusbruderschaft diese Einheit der Kirche nicht nur, sondern zerstört sie.
Paul Martone