KI muss den Menschen dienen
«Die von Gott geschaffene grossartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.» Dieses erste Rundschreiben des Papstes ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Nicht nur stellte er es persönlich vor. Er setzt sich darin differenziert mit KI-Waffensystemen auseinander - im Beisein des Tech-Pioniers Christopher Olah. Der Mitbegründer des Technologie-Konzerns Anthropic steht für eben jene «wirtschaftlichen und technologischen Akteure», die Leo XIV. in seiner Enzyklika besonders kritisch in den Blick nimmt. Damit ist der Heilige Stuhl bei diesem Thema auf der Höhe der Zeit.
Wenn der Mensch Gott spielt
Papst Leo XIV. masst sich nicht an, technische Entwicklungen zu beschreiben oder zu beurteilen. Er schreibt aus der Warte des katholischen Theologen, zwar mit einer grossen Portion Skepsis, aber immer wieder mit dem Versuch, die Technik nicht generell als «menschenfeindliche Kraft» zu verteufeln. Doch die Skepsis überwiegt, die Sorge, dass die «grossartige Menschheit» mit dieser Technologie unter die Räder kommt. Sie ist «nicht neutral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen». «Es reicht nicht aus, sich auf Effizienz zu berufen oder die Vorteile der Innovation zu preisen, wenn diese auf einer Ausbeutungskette beruhen, die bewusst verborgen bleibt. Wenn eine Technologie Emanzipation verspricht, aber weltweit neue Formen der Unterordnung hervorbringt, dann widerspricht sie dem Grundprinzip der Menschenwürde.» Darauf gründet der Aufruf des Papsts, «im Guten aufzubauen» und «menschlich zu bleiben», indem man die Logik der mutigen gemeinsamen Verantwortung und der Gemeinschaft verfolge. Er betont: Wenn der Mensch Gott spielt, kann es passieren, dass er unter die Räder kommt, beziehungsweise, dass er zu einem kleinen Rädchen wird. «Wo die Entscheidung über Leben und Tod an Codezeilen delegiert wird», schreibt Leo XIV., «verliert der Mensch seine Würde und die Maschine triumphiert über den Geist». Er appelliert dafür, «eine grossartige Menschheit, in der Gott gegenwärtig ist», zu bewahren, und Wahrheit, Würde der Arbeit, soziale Gerechtigkeit sowie Frieden zu fördern. In den wenigen Minuten, die Leo bei der Präsentation der Enzyklika selbst spricht, sagt er wörtlich: «Die KI muss entwaffnet werden. Das Wort ist stark, ich weiss.» Sie muss befreit werden «von Logiken, die sie in ein Instrument der Herrschaft, des Ausschlusses oder des Todes verwandeln... Sogenannte Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet. Sie haben auch kein moralisches Gewissen…»
Eine wertvolle Hilfe
Das Schreiben trägt den Untertitel «Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz». Leo betont, dass KI in verschiedenen Bereichen eine »wertvolle Hilfe« sein könne. Vor allem warnt er jedoch vor deren Risiken – beispielsweise, dass in erster Linie nur wenige Menschen mit jetzt schon viel Besitz davon profitieren. KI hätte der Entwicklung der gesamten Menschheit zu dienen und nicht dem Profit einzelner und einiger weniger. «Kleine, sehr einflussreiche Gruppen können Informationen und Konsum lenken, demokratische Prozesse konditionieren und die wirtschaftliche Dynamik beeinflussen.»
Deshalb sei es unerlässlich, dass der Einsatz von KI – insbesondere, wenn es um öffentliche Güter und Grundrechte geht, «befreit wird von Logiken, die sie in ein Instrument der Herrschaft, des Ausschlusses oder des Todes verwandeln» und sie soll «von klaren Kriterien und wirksamen Kontrollen begleitet» werden. Auch der Besitz der Nutzerdaten müsse reguliert werden. Mehrfach betont der Papst, dass KI auf menschliche Werte und Moral ausgerichtet sein müsse. Allerdings nütze auch das nichts, «wenn diese Moral von einigen wenigen bestimmt wird».
Der Papst empfiehlt in seiner beachtenswerten Enzyklika, Beziehungen zu pflegen. «Ich lade dazu ein, an Orten und Zeiten festzuhalten, wo die physische Anwesenheit zählt: am gemeinsamen Tisch, an der christlichen Gemeinschaft, die sich versammelt, am Besuch bei einsamen Menschen und am Dienst an den Armen.» Leo XIV. ist aber auch überzeugt, dass «auch das Zeitalter der KI zu einer Zeit werden [kann], in der der Heilige Geist die Zivilisation der Liebe in unserem Leben zur Reife bringt. Der Herr macht weiterhin alles neu und hält jeder Epoche die Möglichkeit offen, im Licht der Menschwerdung zu einer Geschichte des Heils zu werden.»
Paul Martone