«Ich entscheide selber über meinen Tod!» - Zur Frage der Sterbebegleitung zu Hause und in den Heimen
Respektieren, aber nicht zustimmen
Selbstverständlich ist dieser Volksentscheid zu respektieren, aber ich kann ihn aus Gewissensgründen persönlich nicht gutheissen, denn die menschliche Würde bleibt unantastbar – die katholische Kirche setzt sich dafür. Bei seinem Besuch in Lourdes am vergangenen Sonntag hat Papst Leo XVI. gerügt, dass «einige Gesellschaften dazu neigen, den Blick abzuwenden oder die Augen vor der Würde des menschlichen Lebens zu verschliessen». Der Papst hat jede Form aktiver Sterbehilfe in deutlichen Worten verurteilt: «Es ist unmöglich, das Herbeiführen des Todes als normal anzusehen. Was legal ist, ist nicht zwangsläufig auch sittlich erlaubt. Der Versuchung, unter dem Vorwand falschen Mitleids das Leben zu beenden, muss gerade im Namen dieser unveräusserlichen Würde des Menschen entschieden widerstanden werden. Und: «Jedes menschliche Leben, unter welchen Bedingungen auch immer, selbst in grösster Zerbrechlichkeit, bewahrt seine unverletzliche Würde und verdient es, umsorgt, begleitet und von Leiden durch menschliches Mitgefühl und mit Hilfe der von der Wissenschaft angebotenen Mittel möglichst befreit zu werden.» Bischof Jean-Marie Lovey, hatte im Vorfeld der Abstimmung im Wallis für ein Nein geworben. Er warnte davor, dass die Sterbehilfe in Altersheimen salonfähig werden könne. Und er sprach von zusätzlichen Belastungen für das Pflege- und Ärztepersonal, denn der assistierte Suizid stelle ihr Berufsethos infrage: «Hilfe beim Sterben ist keine pflegerische Handlung.» Am Ende des Lebens braucht der Mensch nicht eine Hand, die sein Leben beendet, sondern eine Hand, die ihn hält und begleitet
Gott entscheidet
Nach katholischer Lehre ist es die Aufgabe eines jeden Christen, das Leben zu schützen und die Menschen in Würde sterben zu lassen und zwar dann, wann Gott es will, denn er ist der Herr über Leben und Tod. Er hat uns das Leben geschenkt und er allein entscheidet, wann es zu Ende geht. Nicht ein Arzt, nicht der Mensch selbst und auch nicht die Angehörigen. Unsere Zeit steht in Gottes Händen. So hat unser Leben und Sterben letztlich etwas mit Gottes Willen und Plan – auch mit seinem Zeitplan – zu tun. Niemand habe das Recht, «auf der Grundlage von labortechnischen Algorithmen» über Leben zu entscheiden, unterstrich der Papst in Lourdes. Ohne Zweifel ist das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen auch in der Frage eines begleiteten Suizids zu respektieren. Diese Selbstbestimmung kann aber auch angezweifelt werden, denn in Momenten, in denen man unerträgliche Schmerzen hat, oder ein Kranker das Gefühl haben kann, er sei nur mehr eine Last für seine Angehörigen, bestimmt man oft nicht selbst, sondern wird durch das Leiden bestimmt, das die Selbstbestimmung beeinträchtig. Der freie Mensch ist dann nicht mehr frei, sondern durch seine Hoffnungslosigkeit in seiner Selbstbestimmung eingeschränkt! Wenn jemand für sich entscheidet mit Hilfe einer Sterbeorganisation freiwillig aus dem Leben zu scheiden, so muss ich diesen Entscheid respektieren. Ich darf nicht die Person richten, die behauptet nicht mehr leben zu wollen, da sie unerträgliche Schmerzen leidet. Das Geheimnis des Leidens muss immer mit grossem Respekt und tiefer Demut angegangen werden. Ich muss den Entscheid aber nicht gutheissen und ich darf schon gar nicht bei einem Suizid behilflich sein. Die Kirche wird Menschen nicht verurteilen, die in schwersten Situationen Entscheidungen treffen, egal wie sie ausfallen. Sie wird zuhören, trösten, mittragen und sich dafür einsetzen, dass niemand aus Angst, Einsamkeit oder fehlender Versorgung den Tod als einzigen Ausweg empfindet. Als Christ ist es meine Aufgabe, dem Menschen beim Sterben beizustehen, seine Schmerzen so gut es geht zu lindern und ihm auch in den letzten Stunden nahe zu sein. Also: Hilfe beim Sterben, aber nicht Hilfe zum Sterben! Nach katholischer Auffassung ist erlaubt: Euthanasie als Sterbebeistand im Sinn einer Sterbeerleichterung ohne lebensverkürzende Wirkung. Dazu gehört jede pflegerische und seelsorgliche Massnahme, sprich eine Palliativpflege, die ein "gutes Sterben" ermöglicht. Erlaubt ist ebenfalls eine Euthanasie als Erleichterung des Sterbens mit eventueller Lebensverkürzung als Nebeneffekt. Darunter fällt jede Verabreichung von Schmerzmitteln, Betäubungsmitteln u. a., die de facto jedoch ungewollt eine lebensverkürzende Wirkung haben können und eine passive Euthanasie als Verzicht auf eine technisch mögliche Lebensverlängerung.Es geht um eine ganzheitliche Begleitung von sterbenden Menschen. Diese ist als ganzheitlich zu bezeichnen, wenn sie sich an den vier Grundbedürfnissen von sterbenden Menschen orientiert, nämlich im Sterben nicht allein gelassen zu werden, nicht unter starken Schmerzen leiden zu müssen, die letzten Dinge regeln und die Frage nach einer über den Tod hinausgehenden Hoffnung besprechen zu können.
Hoffnung durch den Glauben
Der christliche Glaube schenkt uns die Gewissheit, dass das Leben in der Gemeinschaft mit Jesus Christus durch den Tod hindurch Bestand hat. Als Christen bezeugen wir, was in der Heiligen Schrift gesagt ist: »Gott wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron sass, sprach: Seht, ich mache alles neu.»
Wir brauchen eine neue „ars moriendi“, also eine neue „Kunst des guten Sterbens“. Diese Kunst hilft mir im Blick auf mein Ende, dem Tod, die Hoffnung auf ein Leben über den Tod hinaus zu gewinnen Aber nicht nur das: Sie hilft mir auch, mein jetziges Leben mit neuen Augen zu sehen. Denn man führt ein besseres Leben, wenn man ein Rendez-vous mit dem eigenen Tod gemacht hat. Nicht aus Angst, sondern im Vertrauen darauf, dass mich nachher nicht ein dunkles Nichts erwartet, ein Ausgelöscht werden in ein Nirwana, sondern Jesus Christus, der durch seine Auferstehung den Tod überwunden hat. In Christus ist nämlich Gott selbst in den Bereich des Todes eingetreten und hat damit den Raum der absoluten Einsamkeit und Kommunikationslosigkeit zum Raum seiner Gegenwart verwandelt.
Paul Martone